Der Baumeister | Arte Luise Hotel Berlin

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Der Baumeister 2001

 

Künstlerheim Luise in Berlin 
Kein Haus ist so anonym wie ein Hotel am Nachmittag. In den Stunden zwischen Abfahrt und Anreise ist das Zimmerpersonal gewöhnlich damit beschäftigt, in den vielen Zimmern den immergleichen Teppich zu reinigen und die immergleichen Bezüge über die immergleichen Kopfkissen zu ziehen. Das Künstlerheim Luise ist anders. Selbst in den Nachmittagsstunden besitzt es, auch als Gästehaus ohne Gäste, eines der lebendigsten Interieurs Berlins.
Das Hotel - 1995 eröffnet - ist ein Gewächs des Neuen Berlins. Eine Dekade nach dem Fall der Mauer wird in der Hauptstadt, jenseits der alten Kategorien von Ost und West, ein neues Lebensgefühl kultiviert. Das Neue Berlin ist cooler und aufgeschlossener als der Mainstream des Westens, und es ist geldiger und stilbewusster als der Osten. Früher das vorletzte Haus östlich der Mauer und jetzt nur noch fünf Minuten vom Reichstag entfernt, steht das Künstlerheim Luise am Schnittpunkt dieser Strömungen. In einem 1825 in der Friedrich-Wilhelm-Vorstadt gebauten Stadtpalais untergebracht, bietet das Hotel dreißig verschiedene Zimmer, von denen jedes einzelne von einem anderen Künstler höchst eigenwillig arrangiert wurde. Wer sich zwischen den dreißig Arten eine Nacht zu verbringen nicht entscheiden kann, der wechselt einfach jede Nacht in ein neues Ambiente. Ein langes Wochenende in Berlin wird so ein Abenteuer ganz eigener Art. Eines jedoch haben die bewohnbaren Kunstwerke gemeinsam: Jedem Künstler stand für die Umsetzung seines Entwurfs ein Budget von 1000 Mark zur Verfügung, und er bekommt nun einen Anteil von zehn Mark für jede gebuchte Übernachtung. Die beiden Inhaber des Künstlerheims, Mike Buller und Thorsten Modrow, ehemals Mechaniker und Maurer, legten bei der Wahl der Künstler weniger Wert auf eine durchgängige Handschrift als vielmehr auf die Vielfalt der Arbeiten. Denn das Besondere sollte allein schon die Möglichkeit sein, ein Kunstwerk jenseits von Atelier und Museum zu schaffen - und es zu bewohnen. So selbstverständlich wie die Betreiber ihr Konzept erläutern, ist auch der Umgang mit den Gästen. Alle Zimmerschlüssel sind mit den gleichen üblichen Plastik-Anhängern markiert, und doch tut sich hinter jeder Tür eine eigene Welt auf.

In den ersten beiden Stockwerken öffnen sich große Flügeltüren zu etwa dreißig Quadratmeter großen hohen Zimmern. Einen der Räume machte Thomas Baumgärtel zu einer „Königssuite": ein Zimmer in Gold und Purpur - übersäht mit aufgesprühten Bananen, jenen Bananen, die Baumgärtel in Berlin als Prädikat für „Orte zur Förderung moderner Kunst" an Galerien, Museen und Clubs gesprüht hat. Eine Nacht in der Suite könnte zum Auftakt einer Fahndung nach den anderen Früchten der neuen Kunstszene von Berlin-Mitte werden und das Künstlerheim so als „Homebase" für einen Galerie-Rundgang dienen.
„Chez Rose" hingegen ist ein winziges Zimmer unter dem Dach. Eine poetische Kammer für jene, die Rosen genauso lieben wie die Künst lerin Sabine Hartung, die um ihre Lieblingsblume herum ein Gesamtkunstwerk schuf. Von den Ölbildern an den Wänden, den ausgesuchten Büchern im Regal bis zum eigens angefertigten Briefpapier in der Schreibtischschublade dreht sich hier alles um die Rose. Ein eigenes Gästebuch und eine alte, schwere Schreibmaschine gehören ebenso ins Stübchen wie das Stück Rosenseife, das man an der Rezeption bekommt.
Alle Zimmer bergen ihr eigenes Geheimnis, und bei aller Skurrilität passen die Dinge am Ende doch zusammen. Vorhänge, Tapeten, Bettbezüge jedes Teil begegnet dem Besucher mit einem Augenzwinkern einer versteckten Idee. Bei so unterschiedlichen Eindrücken wird der Gang durch die ganz in Weiß gehaltenen Korridore zu einer wohltuenden Unterbrechung. Wie das Baguette bei einer Weinprobe werden die Sinne neutralisiert, bevor man den nächsten Schluck genießt.
Nikolaus Knebel 

B6 (Baumeister); 98. Jahrgang; Juni 2001; Künstlerheim Luise in Berlin; Rubrik: Kalender/Unterwegs; S. 21