Ein Zeitungsbericht der FAZ BErliner Seiten

FAZ Berliner Seiten Mai 2000

Mit dem Raum kommen die Ideen Im Künstlerheim Luise und vielleicht auch in den S-Bahn-Bögen. Das letzte Haus in der Luisenstraße steht dicht an den Bahngleisen. Man schaut im Vorbeifahren aus dem S-Bahn Fenster in die Zimmer des Hauses und meint, in sie hineingreifen zu können, wenn man den Arm nur ausstreckte. Das letzte Haus ist fast zweihundert Jahre alt. Der denkmalgeschützte klassizistische Bau aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert beherbergte in der DDR ein Lehr-lingswohnheim der Charite. Heute prangen in schwarzen Lettern „Künstlerheim Luise“ an seiner Front. Was sich wie der Name eines Alterssitzes für Kreative liest, bezeichnet ein kleines Hotel, in dem kein Zimmer dem anderen gleicht. Jeder Raum ist hier ein Unikat, gestaltet von Künstlern aus Berlin, Köln, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Die „Beletage“ des Hotels im erstenStock wartet mit geräumigen Doppelzimmern auf: eine Schwarzweiß Komposition der Berliner Malerin Elvira Bach, die ihre Streifenmuster mit bunten Darstellungen properer Weiblichkeit kontrastiert. Wem das zu sinnfällig ist, der kann zwischen einer als„Grundmoräne“ mit Glas, Findlingen und Eisenstangen installierten Schlafstatt von Wolfgang Petrick und dem samtrot ausgeschlagenen und goldfarben bemalten „Bananenzimmer“ von Thomas Baumgärtelwählen. Von den kleinen Mansardenzimmern der dritten Etage schaut man auf Reichstag und Baustelle, die von hier aus im Legoland-Format erscheinen. Ganz Ggelb ist der Raum, der das einfallende Sonnenlicht verstärkt. Nebenan verströmt „Chez rose“, ein mit Rosenmotiven bemaltes Zimmer, nostalgischen Charme, den die funktionale Ästhetik eines anderen Raumes, dessen Einrichtung aus Flugzeugteilen zusammengebaut ist, konterkariert. Die Geschäftsleute, Touristen und Liebespaare, die das „Künstlerheim Luise“ bewohnen, partizipieren an der Einzigartigkeit ihrer wenigen Quadratmeter, kunstfertiger, traumbefördernder „Environments“. Die Koordinaten ihrer Träume bestimmen die Gäste selbst, wenn sie eines von Zweiunddreißig Schlafkunstwerken wählen. Mike Buller und Torsten Modrow begannen 1995, das seit langem leer stehende Haus auszubauen. Befreundete Künstler arbeiteten mit, bezogen eigene Wohnateliers und gestalteten die restlichen Zimmer: Schlafmöglichkeiten mit Phantasiecharakter und Minimalkomfort,Ofenheizung und Außentoiletten für fünfunddreißig Mark die Nacht. Dem Provisorium lag eine Idee zugrunde, die Torsten Modrow lange hegte, die Idee vom „Chelsea Hotel“ in New York. Als er noch in Ost-Berliner Jugendklubs der FDJ arbeitete und die Welt jenseits der Mauer lag, träumte Modrow vom „Chelsea Hotel“, wo seit Jahrzehnten schon Künstler zusammenwohnen und arbeiten, und von einem eigenen Versuch dieser Art in Berlin. 1994 mieteten er und Buller von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte das Haus in der Luisenstraße für fünf Jahre. Später kauften sie es für eineinhalb Millionen Mark vom Senat und ließen es komplett sanieren. Die improvisierte Boheme-Kultur, die Berlin-Mitte zu Beginn der neunziger Jahre durchwehte und die aufgrund ungeklärter Verhältnisse existieren konnte, ist verschwunden. Die Verhältnisse haben sich mittlerweile geklärt in der neuen Mitte, die wie kein zweiter Bezirk der Bundeshauptstadt als Plattform der Repräsentation fungiert. Die Improvisation der Nachwendezeit ist der Ästhetik kommerziellen Erfolges und medialer Präsenz gewichen. Auch die Betreiber des Künstlerheims haben sich den veränderten Bedingungen und der sozialen Umstrukturierung angepasst. Sie richten sich nach dem Klientel der „Besserverdienenden“ und laden mit Fernheizung, Dusche und Badewanne ein, allerdings zu immer noch moderaten Preisen. Die Gäste können die Stadtbahn zum Greifen nah durch schallisolierte Fenster vorbeirauschen sehen. Und die Künstler sind nun nicht mehr ihr eigener Gast, sondern allein durch ihre Werke präsent. In der Hotellobby schaut über blauen Ledersofas eine Pferdeschnauze mit aufgeblähten Nüstern aus der Wand. Im Kühlschrank gibt es Heineken-Bier und „Veuve du Vernay“ in Piccolo-Flaschen. Mike Buller erzählt von der Brasserie Sion mit rheinischer Küche im Hof und von seinem nächsten Vorhaben, dem Mieten eines S-Bahn-Bogens. Im Sommer will er hier eine Kunsthalle eröffnen, als Ausstellungsort und Atelier. Das Weitere, meint er, wird sich ergeben, denn „mit dem Raum kommen die Ideen“. JANA STUTNICK Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Montag, 22. Mai 2000, Nr. 118 / Seite BS 3
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