Norbert Thiel (Berlin)

„Hotel Boheme“

Die Arbeit von Norbert Thiel gründet auf dem Aspekt künstlerischen Lebens und Arbeitens  im Hotel. Wohl schon immer haben Künstler diesen Ort als temporären Lebens-mittelpunkt und Entstehungsort für ihre Arbeit genutzt. Waren es im 19. Jahrhundert vorwiegend Schriftsteller, Musiker und vereinzelt auch Maler, die vorwiegend in Grandhotels abstiegen um dort zu arbeiteten, so kamen im 20. Jahrhundert auch einfache Hotels in die Gunst der Künstler. Den vorläufigen Höhepunkt stellt sicherlich das Chelsea-Hotel in New York dar; ein Haus, das ab den 60ern ungezählten Künstlern aller Couleur offenstand, für zahllose Anekdoten und Legenden sorgte und dadurch weltbekannt wurde. 

Im neuen Jahrtausend gibt es zwar noch hier und da Überbleibsel dieser Kultur, aber die große Zeit, da ernsthafte Künstler das Hotel als Lebens- und Arbeitsort nutzten, scheint vorbei. Die Gegenwart der Hotels wird dominiert von Stars und Starlets, meist aus der Unterhaltungsbranche, die meist kaum länger als eine Nacht bleiben und nicht einmal mehr die Zeit finden, sich an der Bar zu betrinken oder Orgien zu feiern. Diese Celebrities der Boulevardpresse halten nach exakt vorgegebenen Maßstäben Hof und selbst wenn einmal etwas Skandalöses vorfällt, erscheint das nicht a priori authentisch sondern verabredet und geplant. 

Norbert Thiels Arbeit hat als zentralen Punkt eine große Collage, welche in einer Mixtur aus Plakaten, Fotos, Zeitungsausschnitten und anderen Elementen die  verschiedenen Facetten des Themas in malerisch-bildnerischer Form verklammern und verkörpern. Dazu kommen Serien mit bearbeiteten Fotos, eine kleine Vitrine mit unterschiedlichen Medien (Bücher, CDs/DVDs) zum Thema, die der Gast für die Zeit seines Aufenthalts im Arte Luise benutzen kann. Das Mobiliar mit seiner außergewöhnlichen farblichen Gestaltung wurde vom Künstler so vorgegeben, um der künstlerischen Präsenz noch mehr Ausdruck zu verleihen. 

Tauchen Sie also ein in die Welt der Boheme im Hotel. Hier einige Beispiele:

Kippenberger, Martin / lebt und arbeitet immer wieder in verschiedenen Hotels und zahlte teilweise mit seinen Bildern - Mann, Klaus / lebt und schreibt im Exil von 1937 bis 1943 im Hotel Bedford in New York - Van Gogh, Vincent / lebt und malt in schäbigen kleinen Hotels, die er zum größten Teil mit vom Bruder geliehenen Geld bezahlt - Dali, Salvador / malt in Grandhotels, in denen er sich u.a. Schafe aufs Zimmer bringen lässt - Kokoschka, Oskar / malt im Hamburger „Atlantic“ zahlreiche Ansichten der Stadt - Schnitzler, Arthur / thematisiert sein Leben im Hotel „Fratazza“ in seinem Buch „Fräulein Else“ - Baum, Vicki / verarbeitet ihre Hotelaufenthalte im Buch „Menschen im Hotel“, das 1932 mit Greta Garbo und Joan Crawford aufwendig verfilmt wird - Cohen, Leonard / lebt und arbeitet im „Chelsea-Hotel“ und verarbeitet das in einem Song - Dostojewski, Fjodor / verbrachte viel Zeit in europäischen Hotels, siehe Buch „Der Spieler“ - Ramone, Dee Dee / Mitglied der Rockband Ramones, schrieb den Roman „Chelsea Horror Hotel“  - Hesse, Hermann / schrieb in Zimmer 401 des „Hotel Krafft“ große Teile des „Steppenwolfs“ - Morrison, Jim / Sänger der „Doors“, fällt 1971 im „Chateau Marmont“ vom Dach eines Bungalows - Jimi Hendrix / lebt in Hotels und stirbt im „Samarkand“ (London) an einer Überdosis Heroin - Ryan Adams / lebte im Chelsea-Hotel in Manhattan und ist Interpret des Songs „Hotel Chelsea Nights“ - Fjodor Dostojewski / lebte in europäischen Hotels, begann in Wiesbaden mit dem Buch „Der Spieler“ - Stefan Zweig / lebte häufig in Hotel, sein großer Roman „Rausch der Verwandlung“ spielt im Schweizer „Hotel Palace“ in Pontresina, Oberengadin - Joseph Roth / lebt ausschließlich in Hotels, in Berlin im „Hotel am Zoo“, schreibt dort „Hotel Savoy“ - Vladimir Nabokov / lebt mit seiner Frau 16 Jahre im „Le Palace“, Montreux und schreibt dort einige Bücher - Thomas Mann / ist häufig in Hotels (Europa, Übersee), siedelt dort mehrere Bücher an, z.B. das „Waldhotel Arosa“ für den Welterfolg  „Der Zauberberg“ - Friedrich Dürrenmatt / sein letzter Roman nimmt den tatsächlichen Großbrand im Grandhotel „Waldhaus Vulpera“ , ein Wahrzeichen der Belle-Epoque, vorweg - Claude Monet / wohnte 1900 lange Zeit im Londoner „Hotel Savoy“ und malte von dort aus verschiedene Stadt- und Flusslandschaften - Udo Lindenberg / lebt ausschließlich in Hotels, überwiegend im „Hotel Atlantic“ in Hamburg - Robert Wilson / der Regisseur wohnt und arbeitet während seiner Theaterprojekte in Europa mit seinem Privatsekretär in verschiedenen Hotels - Catherine Leroy / seit 1966 Fotografin und Journalistin, lebte lange im Chelsea-Hotel in New York - Valerie Solanas / die durch ihren Mordanschlag auf Warhol bekannt wurde, verfasste das s.c.u.m.-Manifest, lebte bis zu ihrem Rauswurf 1967 im Chelsea-Hotel - Keith Richards / der Stones-Gründer hat 1965 während einer US-Tour im Hotel „Clearwater“ in Florida die Idee zum Welthit „I can’t get no, satisfaction“  - Eagles / die Band verewigte das berühmte Hotel „Beverly Hills“ (Pink Palace) auf ihrem 1976 erschienenen Welterfolg „Hotel California“ - John le Carre / wohnt und arbeitet immer wieder in Hotels und siedelt dort weite Teile seiner Romane aus dem Spionage-Milieu an - Oskar Kokoschka / malte in vielen Hotels seine zahlreichen Städtebilder; z.B. in Venedig, Genua, Madrid und Hamburg – Patti Smith .